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Schule ist ein Kreuz

Über die beiden Bildschirmen im Erdgeschoss (oder besser gesagt nur über einen, der andere gibt zwischendurch immer wieder den Geist auf) flimmerten einige Tage nach den Osterferien mehrere Bilder mit Bibel-Zitaten – Sie erklären die Schöpfungsgeschichte der Erde, wie Gott sie erschaffen hat. Ist das in Ordnung?

Der Tag der Erde (eigentlich am 22. April, aufgrund der Ferien auf den 17. April verschoben, Anm. der Red.) wurde an unserer Schule dieses Mal wirklich gefeiert, im wahrsten Sinne des Wortes.
Es gab Spiele im Tiefparterre, Präsentationen und ein Buffet im 5. Stock, Plakate rund um erneuerbare Energien an den Pinnwänden in der Eingangshalle und ein großes Banner, das auch über zwei Wochen nach dem besonderen Tag noch hängt, vor der Schulbar mit der Aufschrift “Tag der Erde”.

Eine weiterer Beitrag, den die Schüler erst nach den Ferien zu Gesicht bekamen, ist auf den beiden Anzeigetafeln in der Einganghalle zu finden, dort laufen in Dauerschleife zwischen den üblichen Informationen mehrere Bilder des Planeten Erde, flankiert von hübschen Zitaten a là “Gott erschuf das Land und die Meere”, “Gott ruhte und betrachtete sein Werk” und so weiter und so fort.

Wie auf einem Bild zu entdecken ist wurde die Diashow samt Text von einem Schüler aus der 1. Klasse zusammengestellt, vermutlich im Auftrag einer Religionslehrerin.
Die Betreiber der Webseite teilten uns mit, dass besagte Professorin darum gebeten hätten, die Fotostrecke auf den Bildschirmen zu veröffentlichen, anlässlich des Tages der Erde.

Bibelzitate über Plakaten mit naturwissenschaftlichen Fakten – Wie passt das zusammen?

Nun ist es notwendig sich zu Fragen, warum bei einem hochkomplexen und vor allem wissenschaftlichen Thema wie dem Klimawandel auf Zitate aus der Bibel zurückgegriffen wird, noch zu allem Überfluss an einer technischen Fachoberschule, deren Lernstoff aus naturwissenschaftlichen Erkenntnissen und nichts anderem besteht.
War es nicht die Kirche, die eins behauptete, die Erde sei eine Scheibe und jegliche anderen Meinungen dazu verbot?

Auf die Geschichte einer geradezu magischen Schöpfung der Erde zurückzugreifen, obwohl Klimawandel weder Magie noch Hokuspokus, sondern einfach naturwissenschaftlicher Fakt ist, scheint höchst absurd und unpassend.

Insgesamt ist es eigentlich kritisch anzusehen, dass religiöse Texte, wobei natürlich jede und jeder frei ist, an sie zu glauben, öffentlich zur Schau gestellt werden, die eigentlich auf Papier festgeschriebene Neutralität der öffentlichen Institutionen in Sachen Religion und Glaube wird mit Füßen getreten.

Man denke einmal im Leben daran, dass Religion Privatsache ist, wenn Eltern ihr Kind religiös erziehen wollen, dann müssen sie das auch selbst hinkriegen, das ist nicht die Aufgabe der Schule oder die des Staates. Trennung von Kirche und Staat, Fehlanzeige. Italien ist beinahe schon ein erzkatholisches Land, Südtirol legt aber noch eines drauf: Während im restlichen Italien Religionsunterrecht angeboten wird, theoretisch steht das jeder Glaubensgruppe zu, praktisch natürlich nur der katholischen, wer hätte es gedacht, und sich die Schüler dafür anmelden müssen gilt bei uns das Gegenteil: Jede Schülerin und jeder Schüler ist automatisch für den Religionsunterricht angemeldet, man kann eine Befreiung extra beantragen.

In der Praxis sieht es dann auch noch oft so aus, dass besagte Befreiung wenn man sie nicht gleich zu Beginn des ersten Schuljahres stellt, später nicht mehr akzeptiert wird. Man sieht also, in Italien und vor allem in Südtirol ist die katholische Kirche noch viel zu einflussreich, um etwas an den Zuständen des Religionsunterrichts in den Schulen zu ändern. Solange dieser Einfluss bestehen bleibt wird es auch nie zur Abschaffung des Faches “Katholische Religion” kommen, was längst überfällig wäre.
Niemand behauptet, dass der Religionsunterricht nicht auch seine nützlichen Seiten hätte, aber es wäre ein immenser Vorteil endlich das Image eines Fachs, das eigentlich für die Vermittlung des christlichen Glaubens zuständig ist, über Bord zu werfen und es zu einem Fach für Ethik zu umzugestalten.

Man muss kein Christ sein um sich die durchaus berechtigten Fragen “Woher komme ich”, “Wohin gehe ich” oder “Warum bin ich hier” zu stellen, darüber nachzudenken und zu diskutieren, auch in der Schule, ist vollkommen richtig, aber das ständig unter dem Mantel des Christentums, des Glaubens, der Religion, das braucht es nicht.
Stellt man sich die Fragen des Lebens, ist es wichtig sachlich darüber zu sprechen, ob jemand dann an ein Leben nach dem Tod oder die Existenz Gottes glaubt, das soll bitte jeder für sich alleine entscheiden, ohne irgendeinen Kommentar vonseiten der Öffentlichkeit, zu der auch die Schule zählt.

Ein Ethikunterricht brächte auch Möglichkeiten der neuen Diskussion mit sich, auch über aktuelle Themen: Ist Abtreibung richtig? Ist die Todesstrafe vertretbar? Gibt es anderes Leben im Universum?
Aber wie gesagt, solange dies Dank dem Auswendiglernen von den Geschichten der Apostel gar nicht bzw. nur selten praktiziert wird, ist der Religionsunterricht eher die verlorene Stunde der Woche als eine Bereicherung für den Geist. Wenn man die Stunden damit verbringt die Bibel zu lesen, obwohl man an das Geschriebene ohnehin nicht glaubt, wird das nicht viel bringen. Und jemand, der wirklich daran glaubt, wird auch Zeit nach der Schule finden, sie zu lesen.

Eltern, die fordern “Ich will, dass mein Sohn/meine Tochter nach unseren, christlichen Wurzeln erzogen wird”, scheinen selbst zu wenig Ahnung oder schlichtweg einfach zu faul zu sein, ihren Kindern den ach so wichtigen Glauben beizubringen. Und apropos “unsere christlichen Wurzeln”, die heutige Gesellschaft in den westlichen Ländern lebt schon seit Jahrhunderten nicht mehr nach christlichen Regeln, Abtreibung ist legal, Homosexuelle werden nicht verbrannt, Pädophilie ist illegal (was ja in der Kirche nicht der Fall zu sein scheint).

Und wenn es um Dinge wie “Du sollst nicht töten” geht, dann ist das heute Gesetz, aber nicht weil es auf zwei alten Steintafeln stand, sonder weil es einfach eine logische Schlussfolgerung ist, Punkt.
Unterm Strich, kurz zusammengefasst, nicht alle Christen sind gute Menschen, nicht alle guten Menschen sind Christen.

Um auf die Eingangshalle zurückzukommen: Jeder entscheidet für sich selbst, was er glaubt. Nicht die Schule.
Mittlerweile sind die Bilder wieder verschwunden, warum bleibt in Rätsel.
Solche Veröffentlichungen in Zukunft zu unterlassen wäre erstrebenswert, kein Kreuz mehr im Klassenzimmer und eine sachliche Diskussion in der wöchentlichen Ethikstunde, das wäre ein Traum.

Dieser Beitrag gibt die persönliche Meinung des Autors und nicht notwendigerweise jene der Redaktion wieder.